Vereinbarkeit von Pflege und Beruf in gemeinsamer Verantwortung von Unternehmen und Regionen
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16. Juni 2026
Pflege und Erwerbsarbeit gleichzeitig zu bewältigen, ist für viele Beschäftigte längst Alltag. Die meisten Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, überwiegend von Frauen. Mehr als die Hälfte der pflegenden Angehörigen ist erwerbstätig. Das bedeutet: Schichtdienst, Arbeitstermine, Pflegeorganisation, Behördengänge und Versorgung laufen gleichzeitig, meist ohne Zeit für Pausen und Erholung. Für Unternehmen zeigt sich das in höheren Ausfallzeiten, mehr Fluktuation und zusätzlichem Druck im ohnehin angespannten Fachkräftemarkt.
Genau an dieser Schnittstelle setzte das Entwicklungsprojekt „Pflege und Beruf im Einklang“ an. Statt eine weitere Insellösung zu entwickeln, stand am Anfang die Frage: Welche überbetrieblichen Modelle zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege gibt es bereits in Brandenburg, in anderen Bundesländern oder in anderen europäischen Ländern? Und welche dieser Ansätze sind für kleine und mittlere Unternehmen in ländlich geprägten Regionen tatsächlich praktikabel?
Um das zu untersuchen, wurden rund 130 Ansätze recherchiert, systematisch erfasst und anhand eines eigens entwickelten Kriterienrasters ausgewertet. Ergänzend dazu wurden leitfadengestützte Expert*innen-Interviews, eine Fokusgruppe mit Akteur*innen aus Unternehmen, Sozialwirtschaft, Gewerkschaften, Kommunen und Wissenschaft sowie eine vertiefte Analyse der Akteurs- und Versorgungslandschaft in Brandenburg durchgeführt.
Die zentralen Erkenntnisse lauten: Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist zwar ein Thema mit zunehmender Bedeutung, im betrieblichen Alltag jedoch oft unsichtbar. Pflege wird vielerorts weiterhin als „Privatsache“ und in den Betrieben als “Einzelfall” angesehen, dem nur mit großem Aufwand begegnet werden kann. Viele Beschäftigte sprechen aus Sorge vor Stigmatisierung oder Nachteilen nicht offen über ihre Situation. Und Unternehmen fehlen häufig Informationen und ein Überblick über vorhandene Unterstützungsangebote und passende Ansprechstellen. Gleichzeitig zeigt die Recherche, dass bereits eine Reihe tragfähiger Ansätze existiert, allerdings sind diese selten auf die Bedingungen von kleinen und mittleren Unternehmen in ländlichen Regionen zugeschnitten und kaum systematisch mit Strukturen vor Ort verbunden. In der Fokusgruppe wurde betont, dass neben überbetrieblichen Modellen auch betriebliche Maßnahmen von hoher Bedeutung sind und beide Ebenen eng miteinander verknüpft gedacht werden müssen.
Aus dem Entwicklungsprojekt ist die Konzeption für ein Modell- und Erprobungsprojekt für kleine und mittlere Unternehmen in Lausitz und Uckermark hervorgegangen, durch welches Führungskräfte und regionale Akteur*innen für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Pflege sensibilisiert und befähigt werden sollen. Führungskräften kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: Sie sollen Pflegeverantwortung früher erkennen, das Thema ansprechbar machen und Beschäftigte gezielt auf interne und externe Unterstützungswege verweisen können. Vorgesehen ist, pflegende Beschäftigte gezielt zu entlasten, Unternehmen in ihrer Gestaltungskompetenz zu stärken und vorhandene Angebote, beispielsweise über eine KI-gestützte Lösung, sichtbarer und anschlussfähiger zu machen. Damit greift das geplante Vorhaben die Dringlichkeit auf, sich angesichts demografischer Entwicklungen und regionaler Gegebenheiten mit dem Thema Vereinbarkeit auseinanderzusetzen, sowohl mit Blick auf die Fachkräftesicherung als auch auf die Attraktivität Brandenburgs insgesamt. Der Antrag wurde im Rahmen der Richtlinie „Förderung Sozialer Innovationen im Land Brandenburg“ eingereicht; eine Entscheidung des Fördermittelgebers steht derzeit noch aus. Im Fall einer Bewilligung soll der Weg von punktuellen Einzellösungen hin zu einem systemischen Ansatz fortgeführt werden, der betriebliche und überbetriebliche Maßnahmen verbindet und in bestehende regionale Strukturen verankert. Ziel wäre es, die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf nicht länger als individuelles Problem zu verhandeln, sondern in gemeinsamer Verantwortung von Unternehmen, regionalen Akteur*innen, Versorgungsstrukturen und pflegenden Angehörigen zu gestalten.
